Es reicht, wenn Sie jemand ansieht. Kein hervorgeholtes Telefon, keine auf Sie gerichtete Kamera. Die Person vor Ihnen kann scheinbar gewöhnliche Ray-Bans tragen – und dabei Fotos oder Videos genau aus demselben Winkel aufnehmen, aus dem sie Sie ansieht.
Genau deshalb sind die Smart Glasses von Meta nun in Deutschland ins Visier von Juristen und Behörden geraten. Die Organisation zum Schutz digitaler Rechte HateAid hat Strafanzeige gegen die Führung des Unternehmens Meta, Unternehmen der EssilorLuxottica-Gruppe einschließlich Ray-Ban und Oakley sowie mehrere große deutsche Händler erstattet. Sie behauptet, dass der Verkauf dieser Geräte gegen deutsche Gesetze verstoßen könnte, die Kommunikationstechnik verbieten, die zur unauffälligen Aufnahme von Menschen bestimmt ist.
Kamera in einer gewöhnlichen Brille versteckt
Ray-Ban Meta erinnern auf den ersten Blick tatsächlich an gewöhnliche modische Brillen. Doch im Rahmen sind eine Kamera und Mikrofone eingebaut. Meta selbst wirbt mit der Möglichkeit, Fotos und Videos freihändig aufzunehmen – dem Nutzer genügt eine Taste oder der Sprachbefehl „Hey Meta“. Die aktuellen Modelle sind mit einer 12-Megapixel-Weitwinkelkamera ausgestattet und zeichnen auch Ton auf.
Und gerade die Unauffälligkeit des gesamten Geräts ist laut HateAid ein grundlegendes Problem.
Ein Mensch in der U-Bahn, im Restaurant, im Büro, auf der Straße oder etwa am Pool muss überhaupt nicht erkennen, dass ihm nicht nur eine Person mit Seh- oder Sonnenbrille gegenübersteht, sondern zugleich jemand mit einer direkt auf ihn gerichteten Kamera.
HateAid bezeichnet die Smart Glasses deshalb als eine Technologie, die es ermöglicht, Überwachung in einem gewöhnlichen Alltagsgegenstand zu verbergen. Die Leiterin der Organisation, Josephine Ballon, warnt, dass Menschen damit rechnen müssen, jederzeit aufgenommen und anschließend im Internet zur Schau gestellt zu werden.
Die einzige Warnung? Eine kleine weiße Kontrollleuchte
Meta wendet ein, dass die Aufnahme nicht völlig verborgen erfolgt. Auf der Vorderseite der Brille leuchtet beim Aufnehmen eines Fotos oder Videos eine weiße LED. Das Unternehmen gibt an, dass sie sich nicht per Software deaktivieren lässt und dass die Kamera deaktiviert wird, wenn sie verdeckt wird.
Das ist ein wichtiger Schutzmechanismus – allerdings dreht sich der Streit gerade darum, ob das kleine Lichtsignal für eine Person, die vor dem Träger der Brille steht, tatsächlich eine ausreichende Warnung darstellt.
Die deutsche Bundesnetzagentur bestätigte Reuters, dass der bloße Besitz, die Einfuhr oder der Verkauf von Smart Glasses in Deutschland nicht automatisch verboten sind, sofern ihre Aufnahmefunktion beispielsweise durch ein optisches Signal klar erkennbar ist. Die Behörde beobachtet den Markt, führte zum Zeitpunkt der Veröffentlichung der Meldung jedoch kein formelles Verfahren wegen eines konkreten Gesetzesverstoßes.
Gerade an dem Wort „klar“ könnte daher der gesamte Rechtsstreit hängen.
Wenn Sie nicht wissen, dass Sie vor einer Kamera stehen
Das Problem der Smart Glasses besteht nämlich nicht nur in der eigentlichen Aufnahme. Entscheidend ist auch der Unterschied zu einem klassischen Telefon.
Wenn jemand ein Smartphone hebt und das Objektiv in Ihre Richtung richtet, verstehen Sie meist sofort, was geschieht. Bei einer Person, die Sie lediglich durch ihre Brille ansieht, fehlt ein solches Signal praktisch vollständig.
Und die Kamera sieht genau das, worauf ihr Besitzer blickt.
Meta selbst stellt diese Eigenschaft als einen der Vorteile des Produkts dar: Der Nutzer kann Aufnahmen „aus der eigenen Perspektive“ machen, ohne das Telefon herauszuholen, und die Fotos oder Videos anschließend in eine mobile App übertragen und teilen.
Was für den Besitzer eine bequeme technologische Funktion ist, kann für den Menschen auf der anderen Seite des Objektivs jedoch zu einem sehr unangenehmen Eingriff in die Privatsphäre werden.
HateAid warnt vor digitaler Gewalt
HateAid verbindet das gesamte Problem auch mit dem Phänomen der sogenannten bildbasierten digitalen Gewalt. Nach Angaben von Reuters registriert die Organisation eine wachsende Zahl solcher Fälle, wobei ihren Erfahrungen zufolge vor allem Frauen zu den Opfern gehören.
Es geht also nicht um die Behauptung, dass Meta selbst heimlich Aufnahmen zufälliger Menschen anfertigt. Der Kern der Kritik liegt woanders: Meta bringt massenhaft ein Werkzeug auf den Markt, das es dem Nutzer außerordentlich erleichtern kann, andere Menschen unauffällig aufzunehmen und diese Aufnahmen anschließend zu verbreiten.
Bildbasierte digitale Gewalt kann dabei viele Formen annehmen – von der Veröffentlichung erniedrigender oder intimer Aufnahmen über gezielte Belästigung bis hin zur Verbreitung von Fotos und Videos ohne Zustimmung der aufgenommenen Personen.
Die Hamburger Datenschutzbehörde warnte in diesem Jahr ausdrücklich vor einem ähnlichen Problem. Sie wies darauf hin, dass neue Produkte wie Smart Glasses „digitalen Voyeuren“ die Arbeit erleichtern und dass Menschen Fotografieren oder Filmen ohne ihre Zustimmung auch an öffentlichen Orten wie Schwimmbädern oder Seen nicht hinnehmen müssen.
Deutsche Behörde prüft die Brillen bereits seit 2025
Dabei geht es nicht nur um die Aktivitäten von HateAid.
Der Hamburgische Beauftragte für Datenschutz prüft die Ray-Ban Meta AI Glasses bereits seit dem Sommer 2025. Untersucht werden ihre technische Funktionsweise, die Erkennbarkeit von Aufnahmen sowie die Vereinbarkeit mit den Datenschutzvorschriften. Das Ergebnis der umfassenden Prüfung soll im Jahr 2026 veröffentlicht werden.
Die Strafanzeige von HateAid wurde inzwischen von der Frankfurter Zentralstelle zur Bekämpfung der Internet- und Computerkriminalität ZIT entgegengenommen. Diese bestätigte Reuters, dass zunächst geprüft werde, ob Gründe für die Einleitung weitergehender Ermittlungen vorliegen.
Das bedeutet, dass bislang nicht entschieden wurde, dass Meta tatsächlich gegen deutsche Gesetze verstoßen hat.
Meta behauptet: Wir haben den Datenschutz direkt in die Brille eingebaut
Meta weist die Kritik mit dem Argument zurück, dass der Schutz der Privatsphäre bereits bei der Entwicklung des Geräts berücksichtigt worden sei.
Das Unternehmen hebt insbesondere die weiße Kontrollleuchte hervor, die eine aktive Kamera signalisiert. Wenn der Nutzer versucht, sie zu verdecken, fordert die Brille ihn auf, sie wieder freizulegen, und die Kamera soll nicht in der Lage sein, die Aufnahme normal fortzusetzen. Meta empfiehlt den Nutzern zugleich, die Brille an sensiblen Orten auszuschalten, etwa in Arztpraxen, Umkleidekabinen, öffentlichen Toiletten, Schulen oder religiösen Einrichtungen.
Damit räumt das Unternehmen indirekt selbst ein, dass der Einsatz der Technologie in bestimmten Situationen äußerst sensibel sein kann.
Beginnt eine Ära, in der wir die Kamera nicht mehr sehen?
Der Streit um Ray-Ban Meta ist deshalb viel größer als die Frage nach einem einzelnen Modell von Smart Glasses.
Noch vor wenigen Jahren waren Kameras Geräte, die man in der Regel sehen konnte. Dann wanderten sie in Mobiltelefone. Nun verschwinden sie direkt in Gegenständen, die wir am Körper tragen.
Und die Grenze zwischen einem Menschen, der Sie einfach nur ansieht, und einem Menschen, der Sie gerade aufnimmt, beginnt dadurch gefährlich zu verschwimmen.
HateAid will die deutschen Behörden dazu bewegen, festzulegen, ob eine kleine blinkende Kontrollleuchte tatsächlich ausreicht, damit aus einer unauffälligen Kamera ein rechtlich zulässiges Verbraucherprodukt wird.
Das Ergebnis könnte weit über Deutschland hinaus Auswirkungen haben. Smart Glasses mit Kameras und künstlicher Intelligenz entwickeln sich nämlich schnell von einer technologischen Kuriosität zu einem gewöhnlichen Konsumprodukt. Meta selbst gibt an, dass seine AI-Brillen täglich von Millionen Menschen genutzt werden.


Comments
Die oberste Elite hat schon…
Die oberste Elite hat schon seit vielen hunderten von Jahren ganz andere Sachen auf Lager, von dem der Normalbürger nichts mitbekommt.
Und in die neuen Autos kommt…
Und in die neuen Autos kommt jetzt zwingend eine Kamera. Wer glaubt, dass die nur offline ist? Ich nicht.
Das BSI hat hier keine…
Das BSI hat hier keine Bedenken...vielleicht weil ein anderer staatl. Verein damit jeden zum Überwacher und Gehilfen machen kann? Frage für einen Freund. - Vor Jahren gab es doch bereits schon einmal einen solchen Versuch von Google. Dieser scheiterte damals an der DSGVO. Warum diesmal nicht?! Ein Fotograf darf deswegen noch nicht einmal mehr ungefragt Passanten einer Einkaufsstraße aufnehmen. Aber die Brillen sollen unproblematisch sein?! Nee. Klar.
Neulich aufm Jahrmarkt
Ich bin eine alte Hexe und lebe vom Blick in meine Glaskugel, den ich mir bezahlen lasse. Letztens sah ich daß sich alle Menschen solche Smartglasses zulegten, weil sie von ihrer eigenen Bedeutungslosigkeit angeödet sind. Langeweile ist die Haupttriebfeder für Voyeurismus. Als nächstes werden dann Drohnen konstruiert und gebaut, die von Fliegen und Schmetterlingen nicht zu unterscheiden sind. Die können dann jedermann in jedweder Situation aus dem Genpool kicken. Wenn's ums sich gegenseitig kalt machen geht, sind der Phantasie der Krone der Schöpfung keine Grenzen gesetzt... .
Ehe Du auf jemanden mit…
Ehe Du auf jemanden mit Smart Glasses triffst, haben Dich schon mehrere 1000 festinstallierte Kameras im öffentlichen Raum aufgenommen. Da kommt es nun auch nicht mehr drauf an...
... „Meta behauptet: Wir…
... „Meta behauptet: Wir haben den Datenschutz direkt in die Brille eingebaut" ... „Meta weist die Kritik mit dem Argument zurück, dass der Schutz der Privatsphäre bereits bei der Entwicklung des Geräts berücksichtigt worden sei.“ ...
Tatsächlich?
Ja mei: So ist Maaßens große Sorge bei einem AFD-Sieg in Sachsen-Anhalt auch für einen wie mich vollkommen nachvollziehbar! https://www.youtube.com/watch?v=ULX_gbk11bo
https://www.youtube.com/watch?v=1ptaOkiTua8
Ich lese gerade zum 2. Mal…
Ich lese gerade zum 2. Mal das Buch "Der Circle" von Dave Eggers, erschienen 2014. Dieser "Circle" stellt quasi Google dar. Erschreckend was diese Firma mit ihren Mitarbeitern macht, die quasi rund um die Uhr nur für die Firma da sein sollen, die "transparent" gemacht werden, so daß alle Welt jedes Wort mithören und jeden Schritt mitsehen kann, wenn sie will. Auch Politiker werden so "transparent". Wer nicht mitmacht, wird so lange "bearbeitet" bis er einknickt und mitmacht...
Diese BRILLE hier könnte eine Erfindung des "Circle" sein ............
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