In einem Gastbeitrag für WELT online beschreibt der Sprachwissenschaftler Hans Haider Munske die Entwicklung der Rechtschreibreform folgendermaßen: Am 1. Juli 1996 wurde in Wien die Reform der deutschen Rechtschreibung beschlossen. Bereits 1987 gelang es dem Mannheimer Institut für Deutsche Sprache, die Politik erneut für eine Reform zu interessieren. Man verlockte die deutschen Kultusminister mit dem Versprechen, die Rechtschreibung wesentlich zu vereinfachen und damit den Deutschunterricht zu entlasten.
Die Reform von 1996: Stark abgeschwächt und trotzdem durchgesetzt
Laut Munske sollten Rechtschreibkommissionen aus der Bundesrepublik und der DDR, aus Österreich und der Schweiz einen gemeinsamen Vorschlag ausarbeiten. Ihr erster Reformtext von 1992, der an frühere Reformversuche anknüpfte, empörte die Öffentlichkeit. Die Kultusminister fürchteten ein Scheitern und verlangten eine Beschränkung der Reform.
Munske stellt fest, dass auf die einschneidendsten Punkte, die einfachere Bezeichnung der Vokalquantität und die Substantivgroßschreibung, verzichtet wurde. So kastriert wurde die Reform, trotz heftigstem Widerstand der meisten Betroffenen, der Schriftsteller, der Germanisten, der Journalisten, der Akademien und der Verlage im gesamten deutschen Sprachgebiet, eingeführt.
Enttäuschende Bilanz nach drei Jahrzehnten
Die Ergebnisse der Reform sind nach Munske ernüchternd. Die versprochene Entlastung von Lehrern und Schülern ist ausgeblieben. Im Gegenteil: Schüler machen mehr Rechtschreibfehler als früher. Die Debatte um die Reform und zahlreiche Nachbesserungen seit 1996 haben das Ansehen der Rechtschreibnorm nachhaltig beschädigt.
Für die künftige Pflege der Rechtschreibung wurde ein 40-köpfiger Rechtschreibrat eingerichtet. Munske berichtet, dass dessen erster Vorsitzender, der ehemalige bayerische Kultusminister Zehetmair, 2015 in einem Interview zur Rechtschreibreform bekannt hatte: „So etwas sollte nie wieder vorkommen.“
Ein mißlungenes Verfahren von Anfang an
Munske kritisiert das Verfahren von Anfang an als mißungen wegen der Parteilichkeit der Mitglieder in der Kommission. Er schreibt wörtlich: "In die Kommissionen wurden nur Befürworter der Reform gebeten (so auch ich, damals noch entschieden dafür). Sprachwissenschaftler, die gerade das Konzept für ein Handbuch zu Schrift und Schriftlichkeit publiziert hatten, kamen nicht zu Wort.“
Rechtschreibung: Kein reines Schulproblem
Munske betont, dass es von Anfang an ein Fehler war, Rechtschreibung als ein reines Schulproblem anzusehen. Er führt aus: „Die Schreibnorm einer Sprache ist gleichsam ein Symbol der Sprache selbst. Wer sie verletzt, beschädigt auch die Sprache. Das hat diese lange öffentliche Kulturdebatte gezeigt.“
Die fatale Geringschätzung der Sprache
Ein weiterer Fehler der Reform war nach Munske ihre lächerlich geringe Finanzierung. Die Kommissionsmitglieder bekamen Reisekosten für ihre Treffen, sonst nichts. Keinerlei Projektmittel für Personal, Sachkosten, Vorträge, Konferenzen, wie sie für jedes wissenschaftliche Vorhaben üblich sind. Darin kommt nach Munske eine fatale Geringschätzung der Sprache zum Ausdruck.
Reform per Ministerverordnung statt demokratischer Entscheidung
Schließlich, so Munske, wurde die Reform jedem parlamentarischen Verfahren entzogen und per Verordnung der Kultusministerien eingeführt. Munske zieht aus der mißlungenen Reform klare Lehren. Für Sprachfragen ist nach ihm die ganze Sprachgemeinschaft verantwortlich. Der anhaltende und vielstimmige Protest gegen die Rechtschreibreform hat gezeigt, daß der Politik keine Legitimation erteilt wird, sich in Sprachfragen einzumischen.
Politik hat kein Recht, in Sprachfragen einzugreifen
Munske stellt klar: Dass die Kulturpolitiker für die Schulen verantwortlich sind, berechtigt sie in keiner Weise, die Rechtschreibung zu reformieren. Sie gehört ihnen nicht.
Dem Rechtschreibrat kommt nach Munske große Bedeutung zu. Er soll einerseits die Sprachgemeinschaft repräsentieren, benötigt aber zugleich ausgewiesene Fachleute. Die erwünschte Beobachtung der Sprachentwicklung kann nicht nebenbei erfolgen. Darum müssen ausreichend Mittel vorliegen, um fachliche Expertise einzuholen. Dies ist in der Vergangenheit nie geschehen. Munske kritisiert, dass die Mitglieder der Rechtschreibkommissionen quasi privat, neben ihrem Beruf als Hochschullehrer, die Rechtschreibung des gesamten Wortschatzes bewerten und reformieren mussten. Auch mangels ausreichender Daten konnten ihre Vorschläge so willkürlich sein.
Digitalisierung: Ein Glücksfall für Kommunikation und Schreiben
Munske geht der Frage nach, ob wir überhaupt noch Rechtschreibung brauchen. Zunächst stellt er fest: Für Schreiben und Lesen ist die Digitalisierung ein Glücksfall, eine Revolution der Kommunikation. Erst ersetzte die PC-Tastatur das Papier, der Drucker den Kopierer und schließlich die Mail mit Anhang den Brief. Seit vielen Jahren werden Texte automatisch nach der geltenden Rechtschreibung korrigiert, neuerdings liefert KI sogar Textvorschläge.
Warum Lesen weiterhin Orthographieregeln voraussetzt
Allerdings blieb die Praxis angesichts schwieriger Schreibregeln weitgehend auf Profis und Gebildete beschränkt. Diese Hürde ist jetzt beseitigt, so Munske. PC und Handy liefern das Rechtschreibwissen. Jeder kann nun schreiben, ohne sich zu blamieren. Und die Allgegenwart von Texten im Netz erschließt auch dem Letzten, der etwas Deutsch kann, den Zugang zur Teilhabe an der Schriftkultur.
Dennoch warnt Munske: Der Schluss, man müsse Rechtschreibung in der Schule nicht mehr lernen, ist naheliegend, aber falsch. Er argumentiert: Wie soll man einen Text lesend verstehen, wenn man die Buchstaben nicht den Lauten einer Sprache und die Wörter dessen Wortschatz zuordnen kann? Die Kenntnis der betreffenden Sprache und der spezifischen Regeln ihrer Verschriftung sind auch Voraussetzung fürs Lesen. Jede Sprache hat eigene Regeln der Rechtschreibung. Sie sind deshalb so verschieden, weil sie ihre Entstehung der langen Geschichte der Schriftkultur verdanken. So ist die besondere Großschreibung der Substantive wahrscheinlich der Lutherbibel zu danken.
Schreiben wird durch Technik erleichtert – nicht durch Reformen
Andererseits fragt Munske: Muss jeder diese Regeln aktiv beherrschen? Muss jeder wissen, daß Liebe mit ie geschrieben wird (statt mit ih wie in ihm, oder einfach i wie in Bibel)? Oder genügt es, zu wissen, dass ie für langes i steht, um das Wort Liebe zu verstehen? Welches Wort mit i, ih oder ie zu schreiben ist, braucht der Leser nicht zu wissen. Das benötigt nur, wer selbst schreibt. Hier hilft nun das automatische Korrekturprogramm in PC und Handy.
Der neue Fokus im Unterricht: Lesen und Verstehen
Munske sieht in der Digitalisierung die eigentliche Revolution im Umgang mit der Rechtschreibung. Sie könnte auch den Schulunterricht verbessern. Nicht das Schreiben sollte künftig im Mittelpunkt stehen, sondern das Lesen und das lesende Verstehen. Es kommt jetzt darauf an, die Besonderheiten hervorzuheben, die gerade dem Leser dienen. Dazu gehört nach Munske zum Beispiel die sogenannte Stammschreibung. Sie sichert – gegen den Wechsel der Lautung in der gesprochenen Sprache – die semantische Einheit der Wortfamilie, zum Beispiel in arg und ärgern, rund und rundlich. (Es wird k beziehungsweise g, t beziehungsweise d gesprochen.)
Die Kommasetzung, ein Schrecken vieler Schüler, könnte von dem Odium der Unlernbarkeit befreit werden, wenn man hervorhebt, auf welche Weise sie das schnelle Verstehen von komplexen Sätzen ermöglicht. Ganz besonders ist nach Munske die Substantivgroßschreibung zu würdigen. Sie zeigt Wortartwechsel an und strukturiert komplexe Wortgruppen.
Technik erledigt, was Reformen nie schafften
Zum Verhältnis von Schreiben und Lesen lässt sich nach Munske vereinfacht sagen: Alle Besonderheiten, die das Lesen erleichtern, machen das Schreibenlernen schwieriger. Was hier als Mangel erscheint, ist dort ein Vorteil. Rechtschreibreformen wollen immer das Schreiben erleichtern. Das leisten jetzt PC und KI. Schon deshalb wäre eine Reform, wie sie vor 30 Jahren verordnet wurde, heute überflüssig, so Munske.
Hinweis der Redaktion: In Verbeugung vor der Schönheit der deutschen Sprache wurde der vorliegende Artikel in der Rechtschreibung erstellt, wie sie vor der Reform galt.


Kommentare
„30 Jahre Rechtschreibreform…
„30 Jahre Rechtschreibreform: So verwirrend wie unnötig“ ...
Nur die Rechtschreibreform???
Ja mei: „Die Bundesregierung fährt zentrale Reformprojekte primär deshalb vor die Wand, weil tiefgreifende ideologische Differenzen, Lobbyinteressen und fehlender politischer Mut zu echten Kompromissen die Beschlussfassung blockieren. Gesellschaftliche und ökonomische Herausforderungen werden dadurch oft nur halbherzig angegangen“!!! ...
https://www.google.com/search?q=Drei+Gr%C3%BCnde%2C+warum+die+Regierung+jede+Reform+vor+die+Wand+f%C3%A4hrt&rlz=1C1ONGR_deDE1024DE1024&oq=Drei+Gr%C3%BCnde%2C+warum+die+Regierung+jede+Reform+vor+die+W…
Hauptsache, sie beherrschen…
Hauptsache, sie beherrschen das Gendern!
Verblödung ist gewollt.
Auch das ist die Folge Links-Grüner Politik und die Sozen mit ihrer Inklusionspolitik schließen die Massenverblödung ab. Wer hat denn die Abschaffung von Zeugnissen gefordert? Wir haben doch in der roten Regierungshälfte schon genug inkludierte Verblödete. Diejenigen, die etwas können werden zum Auswandern genötigt und die Schüler in der Schulen, die strebsam und fleißig an ihr Lebensprofil lernen, müssen sich dem unteren Leistungsniveau anpassen. Man geht zielstrebig ins Mittelalter zurück, wo Rechnen, Lesen und Schreiben nur der Obrigkeit vorbehalten war. Man muss doch nur die geschönten Biografien solcher Leute wie Esken, Bas, Dröge, Klingelbeil und ihre Speichellecker studieren... da kann einem schlecht werden. Diese Sozen und Grünen - ist wie in den niedlichen Werbespots von Haribo...
Uns von „WIR gegen die…
Uns von „WIR gegen die Rechtschreibreform“ in Niedersachsen und auch allen anderen Mitstreitern in den anderen Bundesländern war ziemlich früh klar, daß:
Wer vor der Rechtschreibreform des Deutschen mächtig war, der war es nach der Rechtschreibreform nicht mehr.
Wer vor der Rechtschreibreform des Deutschen nicht mächtig war, der war es nach der Rechtschreibreform auch nicht.
Man hätte auf Prof. Dr. Theodor Ickler, der Deutsch als Fremdsprache an der Uni Erlangen unterrichtete und in etlichen Kommentaren und auch Büchern zum Thema aufzeigte, wie man es besser hätte machen können, hören sollen.
Obwohl von den Kultusministern erkannt wurde, daß diese Rechtschreibreform Murks war, wurde sie „aus Gründen der Staatsräson“, wie in einer Ausgabe des SPIEGEL zu lesen war, nicht zurückgenommen. Die Schüler (aber nicht nur die), wie man sieht, sind die Leidtragenden.
Allerdings...
"Der anhaltende und vielstimmige Protest gegen die Rechtschreibreform hat gezeigt, daß der Politik keine Legitimation erteilt wird, sich in Sprachfragen einzumischen."
Allerdings verbieten die ersten Bundesländer - wenngleich auch wohl nur als Wahlkampfgeschenke - Gendersprache in Schulen.
"Hinweis der Redaktion: In Verbeugung vor der Schönheit der deutschen Sprache wurde der vorliegende Artikel in der Rechtschreibung erstellt, wie sie vor der Reform galt."
Dann sollte man aber auch noch einmal gegenlesen. Mindestens die gleichzeitige Nutzung von "daß" und "dass" fällt auf.
Auch auf die Gefahr hin das…
Auch auf die Gefahr hin das ich mich jetzt unbeliebt mache. Es hieße in der Überschrift korrekterweise nicht davor sondern zuvor...
Auch die Redaktion der "Freie Welt" hat die fatalen Änderungen in der Rechtschreibung kritiklos übernommen. Ich rege mich jedes mal auf wenn ich das sehe.
Ich persönlich verwende nicht nur die alten Schreibweisen sondern verwende geflissentlich auch das Mittelhochdeutsche und dabei ist es mir völlig egal was irgendwelche Kulturzerstörer in Mannheim sagen.
Es war eine der ersten Maßnahmen
Die "Rechtschreibreform" der amtierenden Kulturmarxisten war einer der ersten Schritte zur planmäßigen ZERSTÖRUNG des Deutschtums.
Wobei diesem "einer der…
Wobei diesem "einer der ersten Schritte" noch viele weitere folgten und immer noch folgen.
Der mit Abstand schlimmste und gefährlichste Schritt war natürlich Merkel's nachhaltige und durch diverse Pakte legalisierte Öffnung der Grenzen für nicht integrationsfähige bzw. -willige Immigranten.
Aber Vorsicht! Wer das nicht gut findet, gilt als "rechtsradikal"!
Die Rechtschreibreform war…
Die Rechtschreibreform war nicht nur unnötig, sondern auch schädlich, weil sie in mancherlei Hinsicht völlig unlogisch und verwirrend ist, besonders in Hinsicht auf die für das Verständnis unbedingt notwendige korrekte Getrennt- und Zusammenschreibung. Als Beispiel möge dienen "selbsternannt" oder "selbst ernannt". Ersteres bedeutet eine Anmaßung, indem sich jemand selbst eine Eigenschaft verleiht, in "selbst ernannt" dagegen steht "selbst" für "sogar". Auch ist es ein bedeutender Unterschied, ob jemand oder etwas "rechtmäßig" oder "recht mäßig" ist.
Der langen Rede kurzer Sinn: ich benutze weiterhin die alte, bewährte Rechtschreibung, mit der ich nie Probleme hatte, auch zu meiner Schulzeit nicht.
Zur bedeutung (meaning, nicht importance) von wörtern
Aha, Sie wissen, was wörter bedeuten, und andere wissen es nicht. Aber wir brauchen Ihre belehrung nicht. (Abgesehen davon, dass nur 1 Ihrer 2 beispiele korrekt ist.) Wörter bedeuten, was wir mit ihnen in einem bestimmten kontext sagen wollen. Je nach kontext sagen wir mit «gericht» etwas über die justiz oder über das kochen. Je nach kontext sagen wir mit «selbst ernannt» etwas über sogar … oder über anmassung. In beiden fällen (fall = engl. case, nicht drop) braucht es keine unterschiedliche schreibweise. «Sein» bedeutet englisch «to be» oder «his». Nach der rechtschreibreform von 1901 musste man sich daran gewöhnen, dass nicht mehr das erste «seyn» und das zweite «sein» geschrieben wurde. Man hat sich daran gewöhnt!
Die reform ist nicht aufzuhalten
In verbeugung vor der schönheit der rechtschreibreformen (der vergangenen und der künftigen) habe ich geschaut, ob der vorliegende artikel wirklich in der rechtschreibung erstellt wurde, wie sie vor der reform von 1996 (aber nach der reform von 1901) galt. Das resultat: Bei der ß-schreibung haben Sie eine trefferquote von ungenügenden 60 prozent (6 «dass», 2 «muss» und 1 «lässt»). Bindestrichschreibung tritt nur einmal auf («40-köpfig»); das sind dann 0 prozent. Worttrennungen am zeilenende können Sie zu Ihrem glück vermeiden. (Sie sind in html möglich, aber wie würden Sie es machen?) Schlussfolgerung: Die reform ist nicht aufzuhalten.
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