Zum 150. Geburtstag Eugenio Pacellis bröckelt eine der hartnäckigsten Legenden des 20. Jahrhunderts.

Pius XII.: Der Papst, der nicht ins Feindbild passt

Jahrzehntelang wurde Papst Pius XII. als „Hitlers Papst“ diffamiert. Doch neue Studien und die Öffnung der Vatikanarchive zeigen: Diese Darstellung hält historischer Prüfung immer weniger stand.

Bild: Primolevi Center


Am 2. März jährte sich die Geburt Eugenio Pacellis zum 150. Mal. Pacelli, der später als Papst Pius XII. Geschichte schrieb, gehört zu den am meisten diskutierten und zugleich am meisten missverstandenen Gestalten der modernen Kirchengeschichte. Kaum ein Pontifikat ist so intensiv untersucht worden – und kaum eines wurde so stark politisch verzerrt dargestellt.

Im Mittelpunkt der Debatte steht seit Jahrzehnten die sogenannte „schwarze Legende“: die Behauptung, Pius XII. habe während des Zweiten Weltkriegs gegenüber dem Nationalsozialismus geschwiegen oder ihn sogar indirekt unterstützt. Diese Darstellung wurde vor allem in den 1960er Jahren populär und prägt bis heute das öffentliche Bild.

Historiker sehen das anders

Der Präsident des „Pope Pacelli Committee – Pius XII Association“, Emilio Artiglieri, betonte kürzlich in einem Interview, dass ernsthafte historische Forschung längst zu einem anderen Ergebnis gekommen sei. Wer sich mit den Quellen beschäftige, könne den Vorwurf vom „Hitlers Papst“ kaum noch aufrechterhalten.

Tatsächlich begann die wissenschaftliche Aufarbeitung schon früh. Bereits unter Papst Paul VI. wurden umfangreiche Dokumentationen veröffentlicht, darunter die mehrbändige Edition „Actes et Documents du Saint Siège relatifs à la Seconde Guerre Mondiale“, die von Jesuitenhistorikern erarbeitet wurde. Sie erschloss zentrale vatikanische Dokumente aus der Kriegszeit.

Mit der Öffnung der vatikanischen Archive zum Pontifikat Pius’ XII. durch Papst Franziskus hat sich die Quellenlage noch einmal deutlich erweitert. Neue Studien von Historikern wie Johan Ickx, Matteo Luigi Napolitano oder Pier Luigi Guiducci zeichnen ein differenziertes Bild des Papstes und seines Handelns während der Shoah.

Das Ergebnis dieser Forschung ist eindeutig

Die pauschale Verurteilung Pacellis hält der Dokumentenlage nicht stand.

Die Legende lebt dennoch weiter – allerdings weniger in der wissenschaftlichen Debatte als im Bereich populärer Darstellung. Filme, Serien und journalistische Narrative greifen das alte Bild immer wieder auf. Ein neues Netflix-Projekt über die Nürnberger Prozesse etwa versucht erneut, Pius XII. als zu nachsichtig gegenüber dem Nationalsozialismus darzustellen.

Gerade hier sieht Artiglieri das eigentliche Problem. Während die Forschung immer präziser arbeite, bleibe das öffentliche Bild von alten politischen Kampagnen geprägt. Deshalb müsse die historische Wahrheit stärker vermittelt werden.

Denn Pacelli war keineswegs ein unbeteiligter Zuschauer der Ereignisse. Zahlreiche Studien zeigen, dass der Vatikan während des Krieges verdeckte Hilfsaktionen organisierte, diplomatische Kanäle nutzte und tausende verfolgte Juden in kirchlichen Einrichtungen Schutz fanden.

Historische Verdrehung

Das Bild eines schweigenden oder gleichgültigen Papstes ist deshalb immer schwerer aufrechtzuerhalten.

Der Streit um Pius XII. zeigt, wie stark Geschichtsbilder von politischen Interessen geprägt sein können. Manche Legenden überleben selbst dann noch, wenn die Archive längst geöffnet sind.

Doch je mehr Quellen ans Licht kommen, desto deutlicher wird: Die Geschichte dieses Papstes ist komplizierter – und zugleich beeindruckender – als die einfachen Parolen seiner Kritiker.

Sven von Storch

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Kommentare

Else Schrammen

05.03.2026 | 15:02

Piue wirkte als Papst in der dunkelsaten Zeit Europas. Ich glaube, kein Papst nach ihm hatte ein vergleichbar schweres Amt. Ich habe ihn als Kind bzw. Jugendliche noch erlebt. Schon damals war die Rede davon, dass er während des Krieges zig Juden vor der Verfolgung im Vatikanstaat geschützt habe. Er hat zu Hitler geschwiegen? Ja und? Tanz mit dem Teufel, lenke ihn ab und rette so tausende Seelen!

Michael Rewolle

13.04.2026 | 16:25

In reply to by Else Schrammen

Das zwischen dem Heiligen Stuhl und dem Deutschen Reich verhandelte und am 20. Juli 1933 geschlossene Reichskonkordat legte einvernehmlich fest, dass Bischöfe den Treueid auf den mordenden NS-Staat leisten.

Und nun soll es doch nur Gefühls-Klimbim für einen guten Zweck gewesen sein? Geht's noch?

Reden ist Silber, Schweigen ist Gold. Mir wäre lieber die heutigen Kirchenoberen würden endlich damit aufhören, ihren Senf zur Politik dazuzugeben, und sich stattdessen aufs Spirituelle konzentrieren. Mal ganz davon abgesehen, daß sie in der Regel alles andere als neutral informiert sind und entsprechend daneben liegen in ihrem Urteil. Wenn ich in die Kirche gehe, möchte ich Seelsorge und keinen Polittalk.

Johannes Friedrich

06.03.2026 | 09:54

Kaum ein Mensch wurde so verleumdet wie Papst Pius XII., der sich in Wahrheit der Juden angenommen hat, wie kaum ein zweiter. Nach jüdischen Quellen war dieser Papst an der Rettung von mindestens 700.000, eher sogar 860.000 Juden beteiligt. So versteckte er beispielsweise Juden im Vatikan, womit er sich in größte Gefahr begab. Da es in Rom und gerade in Vatikan-Nähe von deutschen Soldaten wimmelte, war die Gefahr der Entdeckung groß. Auch wies er die Klöster an, Juden Unterschlupf zu gewähren und hob dafür eigens die Klausur auf.

Auch unterstützte Pius XII. den deutschen Widerstand.

Wer sich über diesen wahrhaft großen Papst zuverlässig informieren möchte, dem sei das Buch "Der Papst, der Hitler trotzte", des renommierten Historikers Michael Hesemann - der für sauberes Arbeiten bekannt ist und alles mit Fußnoten belegt - empfohlen.

Und ich habe es satt, daß in jeder politischen Diskussion Adolf oder die Juden eine Rolle spielen, wer heizt das an, und warum begann das Unheil in den 60er Jahren? Hat das etwas mit der Frankfurter Schuel und der in der brD eingepflanzten Lizenzpresse zu tun? Auch die Lehrpläne sind voll von diesem Zerrbild. 1987 und 2006 bin ich aus diesem Grund aus dem Schuldienst ausgeschieden, das erstemal in der ddR, das zweitemal hier, weil die brD gesinnungsmäßig der ddR angeglichen wurde.

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