Interview mit: Prof. Dr. Kurt Imhof

Gratiskultur zerstört guten Journalismus

Im Interview spricht der schweizerische Mediensoziologe Professor Dr. Kurt Imhof mit FreieWelt.net über den Niedergang der Printmedien und dessen Folgen. Imhof lehrt an der Universität Zürich und gilt in seinem Heimatland als harscher Kritiker der modernen Medienlandschaft.

Freie Welt

FreieWelt.net: Seit dem Aufkommen des Internets haben die »klassischen« Printmedien mit einem starken Auflagenrückgang zu kämpfen. Wird es in zwanzig Jahren noch gedruckte Zeitungen geben?

Professor Kurt Imhof: Ja, aber gedruckte Zeitungen werden von einem Massenmedium zu einem Elitemedium, das sich diejenigen leisten, die daraus einen Distinktions- und Refexionsgewinn versprechen. Der Distinktionsgewinn ergibt sich daraus, dass eine gedruckte Zeitung den Leser für Dritte sichtbar mit einem reputierten Informationsmedium in Bezug setzt. Das Versprechen auf Reflexionsgewinn ist deshalb gerechtfertigt, weil die Redaktion einer gedruckten Zeitung zwingend die Zeit anhalten muss, d.h. sie muss das Relevante für den begrenzten Raum der Zeitung auswählen und sie muss die Ereignisse bezüglich Ursache-Wirkungszusammenhängen verständlich vermitteln. Eine solche Weltinterpretationskompetenz können sich Netzmedien mit ausgebauten, arbeitsteiligen Redaktionen selbstverständlich auch aneignen, doch sie können sich dem auch entziehen und den Lauf der Dinge nur auf der Oberfläche von mehr oder weniger aktuellen, mehr oder weniger relevanten „News“ vermitteln. Das kann eine Kaufzeitung nicht. Deshalb dominiert im Netz das Newsbusiness, in Zeitungen hingegen die journalistische Einordnung.

FreieWelt.net: Welche Zeitungen verlieren mehr Leser:  Qualitätsmedien wie die F.A.Z oder Boulevard-Blätter wie Bild und warum?

Professor Kurt Imhof: Ohne auf einzelne Medienmarken einzugehen gilt unter der Bedingung eines kommerzialisierten Mediensystems generell: Es gewinnen die billigen oder gratis erhältlichen qualitätsniedrigen Informationsmedien mit viel Softnews, starker Personalisierung und Skandalisierung, ausgeprägt moralisch-emotionalem Journalismus sowie wenig Einordnung und Vielfalt. Umgekehrt verlieren regional (weniger lokal) ausgerichtete Abonnementszeitungen am meisten.

Die Gründe liegen im wesentlichen in einer Gratiskultur, die das Preisbewusstsein für Journalismus zerstört hat, den niedrigen kognitiven Leistungen, die der grösste Teil des Billig- oder Gratisjournalismus mit seinen People-Geschichten voraussetzt, in der grossen zeitlichen Belastung der Jugendlichen und jungen Erwachsenen durch die aufwendige Pflege ihrer Reputation in den Social Networks und im Ressourcenverlust des professionellen Journalismus, der seinen Mehrwert weniger zur Geltung bringen kann.

FreieWelt.net: Sie geben regelmäßig eine »Gesamtschau der Schweizer Medien« heraus, in der Sie teils deutliche Kritik an der Medienlandschaft der Schweiz üben. Welche dieser Kritikpunkte lassen sich auf Deutschland anwenden?

Professor Kurt Imhof: Im Unterschied zur Schweiz und den meisten europäischen Ländern haben die Verleger in Deutschland erfolgreich die Gratiszeitungen (oder Pendlerzeitungen) verhindert. Demgegenüber sind die Gratiszeitungen etwa in der Schweiz in kurzer Zeit die grössten Zeitungen geworden, sie sind die letzten grossen Cashcows im Printjournalismus und ziehen Werbemittel und Kaufeinnahmen vom bezahlten Informationsjournalismus ab. Dadurch ergibt sich in Deutschland im Print und teilweise auch im Onlinebereich noch ein anderes Bild: Während sich der Informationsjournalismus in den ‚Gratiszeitungsländern’ sowohl im Print als auch Online abschichtet, weil auch die Online-Angebote der Gratiszeitungen sehr hohe Reichweiten erzielen, ist diese Entwicklung des Informationsjournalismus in Deutschland stärker auf den Rundfunk beschränkt (Stichwort „Unterschichtenfernsehen“). Gleichwohl gilt auch für Deutschland, dass die Abflüsse an Werbemitteln und Kaufeinnahmen zu branchenfremden Akteuren (Social Networks, Suchmaschinen, Telekommunikationsunternehmen, Rubrikensites vom Auto bis zur Partnersuche) den professionellen Journalismus schwächen. Die alte Ehe zwischen Publizistik und Werbung stirbt und dies führt zu einem Ressourcenverlust des Journalismus. Die Konsequenz davon ist simpel: mehr billige Softnews, weniger Einordnung sowie Abschichtung, d.h. Journalismus für Eliten und für die Masse.

FreieWelt.net: Sie schreiben in Ihrem Jahrbuch von »qualitätsniedrigen Medien«.
Woran machen Sie fest, was gute und was schlechte Medien sind?

Professor Kurt Imhof: An den Kriterien des Journalismus selbst. Diese Qualitätskriterien wiederum wurzeln im Aufklärungsliberalismus, d.h. der „Vielfalt“ (Universalismus gegenüber Personen, Themen, Meinungen), der „Relevanz“, d.h. das was alle etwas angeht (Politik, Wirtschaft und Kultur), der Einordnung, also der Ursache-Wirkungserläuterungen und der Berücksichtigung der Kontexte von Ereignissen sowie der Professionalität, d.h. allen voran der Sachlichkeit, der redaktionellen Eigenleistung und der Quellentransparenz.

FreieWelt.net: Qualitätsmedien benötigen eine Vielzahl spezialisierter und gutausgebildeter Redakteure und investigativ tätiger Journalisten – mithin viel Geld. Doch die Einnahmen der Verlage sinken. Welche Modelle halten Sie für geeignet, die Öffentlichkeit auch in fünfzehn Jahren noch fundiert zu informieren?

Professor Kurt Imhof: Wir stehen in medienpolitischer Hinsicht aufgrund der scheiternden Ehe von klassischer Publizistik und Werbung einerseits, dem gesunkenen Preisbewusstsein für professionellen Journalismus andererseits vor unangenehmen Entscheidungen, weil Demokratie ohne professionellen Journalismus nicht möglich ist. Die Bürgerinnen und Bürger müssen sich auf die zentralen Funktionen medienvermittelter Öffentlichkeit, die Forums-, die Kritik- und Legitimations- sowie die Integrationsfunktion, verlassen können. Gleich wie verästelt die Kommunikationsflüsse in modernen Gesellschaften beginnen mögen, setzt Demokratie voraus, dass die wichtigen Themen demokratischer Selbstherrschaft in öffentlichen Arenen zusammenfließen, damit sie für alle sichtbar werden können. Das schafft nur ein professioneller Journalismus in reputierten Informationsmedien, gleichgültig in welcher Gattung.

Wenn wir also eine informierte Demokratie wollen, dann müssen wir an mindestens zwei Hebeln ansetzen: Zum einen gilt es die Medienkompetenz und damit auch die Distinktionsfähigkeit der Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu erhöhen und zum anderen brauchen wir Fördermodelle für professionellen Journalismus in Gestalt von staatfernen Stiftungen, die – neben zivilgesellschaftlichen Mitteln – etwa durch eine Werbebesteuerung alimentiert werden. Mit einer solchen Steuer packt man das Problem der zu branchenfremden transnationalen Unternehmen abfließenden Werbemitteln an der Wurzel an. Allerdings müsste darauf geachtet werden, dass eine solche Förderung zwingend Redaktionen und nicht Verlage betrifft.

FreieWelt.net: Stichworte Franz-Peter Tebartz van Elst und Christian Wulff. Nehmen mediale Hetzjagden auf Personen zu und was könnten die Gründe sein?

Professor Kurt Imhof: Skandalisierungen haben massiv zugenommen. Der Grund ist einfach: weil dieser Ereignistypus von Seiten der Medienkonsumenten am stärksten rezipiert wird, springen alle Medien auf. Je kleiner die weltanschaulichen Unterschiede im Mediensystem desto gleichförmiger erfolgt die Skandalisierung. In der alten, außenpluralistischen Medienordnung durch Gesinnungsmedien waren Skandalisierungen immer durch Gegenskandalisierungen gekennzeichnet. In der modernen, kommerziell orientierten, binnenpluralistischen Medienordnung (Forumsmedien) dominiert demgegenüber die Gleichförmigkeit der Skandalisierungen.

FreieWelt.net: Was wird die veränderte Medienlandschaft gesellschaftlich bedeuten, etwa in Hinblick auf demokratische Prozesse und die kritische Kontrolle von Regierungen und Parlamenten?

Professor Kurt Imhof: Je ausgeprägter die Abschichtung der Informationsmedien, d.h. je mächtiger der Sockel qualitätsniedriger Medien desto volatiler wird das Politische, weil der Medienpopulismus den politischen Populismus animiert und umgekehrt. Diese Dialektik sorgt für eine Änderung der Themen grundsätzlicher demokratischer Auseinandersetzungen zu Gunsten von Identitätspolitik (vorab: unten versus oben sowie zugehörig versus fremd) sowie für einen Wandel der Argumentationskultur von der traditionellen, auf Sachverhalte basierenden normativen Auseinandersetzung um politische Richtungsentscheide hin zu moralisch-emotionalen Konflikten.

FreieWelt.net: Herr Professor Imhof, wir danken Ihnen herzlich für das Interview.

Hier finden Sie vertiefende Lektüre von Professor Dr. Kurt Imhof. 

 

 

Sven von Storch

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