Interview mit Hans Mathias Kepplinger

Opfer von Kampagnen haben kaum Chancen

Brüderle, Hoeneß, Schwarzer, Tebartz-van Elst: Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. FreieWelt.net sprach mit dem Kommunikationswissenschaftler Hans Mathias Kepplinger über die sich häufenden Medienkampagnen gegen Prominente.

Freie Welt

FreieWelt.net: Subjektiv gewinnt man den Eindruck, es gäbe immer häufiger Medienkampagnen, die sich gegen einzelne Personen richten. Teilen Sie diesen Eindruck?

Kepplinger: Dieser Eindruck trügt nicht, und das lässt sich nicht durch die Schwere der angeblichen oder tatsächlichen Fehler erklären. Beispiele vom vergangenen Jahr sind die Kampagnen einiger Medien gegen Rainer Brüderle (Herrenwitze), Franz-Peter Tebartz-van Elst (Umbaukosten), Peer Steinbrück (Vortragshonorare), Susanne Gaschke (Steuerentscheid), Uli Hoeneß (Steuerhinterziehung), Jakob Augstein (Antisemitismus), Annette Schavan (Plagiat) und Thomas de Maizière (Euro Hawk u.a.).

FreieWelt.net: Könnte es hier einen Zusammenhang zum Auflagenrückgang der Printmedien geben oder sind die Ursachen andernorts zu suchen?

Kepplinger: Die Hauptursache liegt im Auflagenrückgang der Medien kombiniert mit dem Rückgang der Anzeigeneinnahmen als Folge der Abwanderung von Inserenten ins Internet. Eine weitere Ursache ist das veränderte Selbstverständnis eines Teils der Journalisten, die sich als übergeordnete Urteilsinstanz sehen, die Wirkung ausüben will. Dies führt zu einer Mischung aus Existenzangst und Machtanmaßung, die sich in Kampagnen niederschlägt.

Freiwelt.net: Welche Medienkampagnen fanden Sie besonders ungerechtfertigt?

Kepplinger: Geradezu lächerlich aber trotzdem schädlich war die Kampagne gegen Rainer Brüderle. Allerdings gab es auch bei anderen Kampagnen erhebliche Diskrepanzen zwischen den erkennbaren Anlässen und dem Ausmaß ihrer Anprangerung. Sie deuten darauf hin, dass die Wortführer verdeckte Ziele hatten und die Anprangerung der Anlässe nur ein erfolgversprechendes Mittel war, um die eigentlichen Ziele zu erreichen.

FreieWelt.net: Wer profitiert wirtschaftlich und auch politisch von personenbezogener, emotional aufgeladener Berichterstattung?

Kepplinger: Die Profiteure sind jene Journalisten und Medien, die eine Kampagne erfolgreich lancieren. Sie profilieren sich in der Medienlandschaft. Ob sich das messbar in wirtschaftlichen Daten niederschlägt, ist fraglich. Der Profit besteht im Imagegewinn. Die Verlierer sind die Angeprangerten, weil selbst jene Teile des Publikums, die die Angeprangerten schätzen, die Berichterstattung intensiv verfolgen und von ihr entsprechend beeinflusst werden.

FreieWelt.net: Wie können sich Personen des öffentlichen Lebens wehren, wenn sie zum Ziel einer Medienkampagne werden? 

Kepplinger: Die Chancen der Betroffenen sind sehr gering und werden allgemein überschätzt, weil die Betroffenen meist mit einer Serie von Vorwürfen konfrontiert werden, die sie unter dem psychischen Druck öffentlicher Angriffe und  in der verfügbaren Zeit kaum beantworten können. Selbst wenn ihnen das gelingt, werden bis dahin oft neue Vorwürfe publiziert, die interessanter erscheinen als die Richtigstellung der vorangegangenen Behauptungen. Ihre einzig echte Chance besteht darin, dass sie Journalisten einflussreicher Medien von ihrer Sichtweise überzeugen können, die sie in der Öffentlichkeit verteidigen oder zumindest entlasten. Das ist Joschka Fischer nach seiner Identifikation als Schläger auf einem Foto gelungen.

FreieWelt.net: Herzlichen Dank.

Sven von Storch

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