FreieWelt.net: Was hat Sie veranlasst, ein Buch über Wikipedia zu schreiben?
Michael Brückner: Zum einen mein Erstaunen darüber, dass Wikipedia zunehmend als geradezu unfehlbarer Wissensspeicher wahrgenommen wird. Was in der Wikipedia steht, wird kaum noch hinterfragt. Nicht einmal von Journalisten. Vor ein paar Jahren wiesen manche Medien ihre Autoren ausdrücklich darauf hin, dass die Online-Enzyklopädie nicht als valide Quelle anerkannt werde. Davon kann heute keine Rede mehr sein. Wenn wir unsere Meinungsbildung nur noch aus einer Quelle mit monopolistischen Strukturen speisen und selbst manche Kollegen aus sogenannten Qualitätsmedien bei Wikipedia abschreiben, dann sollte man wissen, wem wir da offenkundig etwas arglos vertrauen.
Und zum zweiten höre ich immer wieder von einseitiger weltanschaulicher Propaganda. Medien, Journalisten und Institutionen, die sich nicht dem Mainstream beugen, werden undifferenziert in die »rechte Ecke gerückt«. Das aber ist Indoktrination, die wir nicht unkritisch hinnehmen sollten.
FreieWelt.net: Was unterscheidet Wikipedia von einer klassischen Enzyklopädie?
Michael Brückner: Nach dem Wiki-Prinzip kann bei der Online-Enzyklopädie jeder mitmachen. Man kann eigene Beiträge einstellen, andere Texte verändern oder ergänzen und – als Administrator – sogar Beiträge löschen. Es gibt im Gegensatz zu klassischen Lexika keine Redaktion. Die wird durch die sogenannte »Schwarm-Intelligenz« ersetzt. Doch wo immer diese »Schwarm-Intelligenz« ins Spiel kommt, ist die »Schwarm-Propaganda« nicht mehr fern.
FreieWelt.net: Wir haben uns für dieses Interview unter anderem auf Wikipedia über Wikipedia informiert. War dies ein Fehler?
Michael Brückner: Nein, es ist grundsätzlich kein Fehler, sich auf den Wikipedia-Seiten zu informieren. Manche Seiten – vor allem im wissenschaftlichen Bereich – sind anerkanntermaßen von sehr guter Qualität. Kritisch wird es bei politischen und weltanschaulichen Themen.
FreieWelt.net: Hinter Wikipedia steht die Wikimedia Foundation, eine durch Spenden finanzierte, gemeinnützige Organisation mit Sitz in San Francisco. Wer sind die maßgeblichen Geldgeber? Bestehen hier Interessenkonflikte?
Michael Brückner: Die Wikimedia Foundation ist eine Stiftung nach US-amerikanischem Recht. Sie unterscheidet sich deutlich von deutschen Stiftungen, bei denen das Stiftungskapital unangreifbar ist. Die Foundation gleicht eher einem gemeinnützigen Verein und finanziert sich aus Spenden. Überwiegend sind das Kleinspenden, denn eines muss man Wikimedia lassen: Das sind hervorragende Fundraiser. Zu den Großspendern gehörten in den vergangenen Jahren unter anderem Goldman Sachs, Microsoft, die Ford-Stiftung sowie die Alfred P. Sloan Foundation, die von dem früheren Präsidenten von General Motors gegründet wurde. Auch Google taucht in der Spenderliste auf.
Die Zuwendungen der Großspender bleiben überschaubar. Im Wesentlichen finanziert sich Wikimedia durch viele Kleinspender. Insofern sehe ich mit Blick auf die Großspender derzeit noch keine direkte Abhängigkeit oder Interessenkonflikte. Dennoch bleibt die Frage, was sich Google, Goldman, Microsoft und Co. längerfristig von ihrem Engagement versprechen. Altruisten sind das sicher nicht. Sie erkennen, welch wichtige Rolle einem Monopolisten wie Wikipedia bei der weltweiten Meinungsbildung zukommt.
FreieWelt.net: Weltweit haben PR-Agenturen Wikipedia-Artikel für sich als Tätigkeitsfeld entdeckt. Welchen Einfluss üben diese auf die Inhalte der Wikipedia aus?
Michael Brückner: Weil viele Nutzer alles für bare Münze nehmen, was in der Wikipedia steht, achten PR-Agenturen darauf, dass ihre Kunden erstens in dieser Online-Enzyklopädie vertreten sind und zweitens mögliche negative Passagen relativiert oder gestrichen werden. Das Ganze wird dann diskret als »Pflege der Online-Reputation« bezeichnet. Im In- und Ausland wurden in den vergangenen Jahren Fälle bekannt, in denen bezahlte PR-Schreiber in der Wikipedia unterwegs waren. Vor einiger Zeit trennte sich Wikimedia von ihrer Programmkoordinatorin Sarah Stierch, weil diese angeblich bezahlte Aufträge für die Bearbeitung von Wikipedia-Artikeln angenommen hat. Pro Beitrag soll sie ein Honorar von 300 US-Dollar kassiert haben.
FreieWelt.net: Wer sind die typischen Autoren bei Wikipedia und was treibt sie an?
Michael Brückner: Wenn sie nicht gerade als bezahlte PR-Schreiber unterwegs sind, arbeiten Wikipedia-Autoren ehrenamtlich. Das heißt, der Kreis der Autoren muss erstens ausreichend Zeit haben und zweitens über andere Einnahmequellen verfügen. So kann es nicht verwundern, dass unter den Autoren überdurchschnittlich viele Schüler, Studenten und Rentner sind. Allerdings hat Wikipedia ein Problem: Ihr laufen die Autoren davon. Das liegt an dem bisweilen rüpelhaften Umgangston, an Besserwisserei und an der restriktiven und selbstherrlichen Vorgehensweise mancher Administratoren. Als Anfang Juni die aus Russland stammende Informatikerin Lila Tretikov als Nachfolgerin von Sue Gardener die Leitung der Wikimedia-Foundation übernahm, musste sie einräumen, noch nie einen Beitrag für Wikipedia verfasst zu haben. Das war symptomatisch für das aktuelle Problem dieser Online-Enzyklopädie.
FreieWelt.net: Wie wird mit Wikipedia Politik betrieben und welche Teile des Meinungsspektrums herrschen vor?
Michael Brückner: Nicht nur mein Eindruck ist, dass eindeutig linke Kräfte in der Mehrheit sind. Dafür spricht schon die gezielte Diffamierung nicht-linker Medien, die plötzlich als Teil der »Neuen Rechten« diffamiert werden. Und natürlich sind viele politisch-korrekte »Gesinnungspolizisten« am Werk.
FreieWelt.net: Wie sollte man als Privatperson reagieren, wenn man sich in einem Wikipedia-Artikel in ein schlechtes Licht gerückt oder gar verleugnet sieht?
Michael Brückner: Das ist offenbar ein echtes Problem. Man kann natürlich bei Wikipedia selbst mitmachen und falsche oder einseitige Darstellungen korrigieren oder streichen. Häufig ist es allerdings so, dass diese Korrekturen wieder entfernt werden. Dann begibt man sich schnell in einen Edit War, also in einen Bearbeitungskrieg zwischen Wikipedianern. Ich empfehle, bei groben Fehlern oder gezielten Diffamierungen direkt mit Wikipedia Deutschland Kontakt aufzunehmen und eine Lösung zu suchen. Im schlimmsten Fall sollte fachanwaltlicher Rat eingeholt werden.
FreieWelt.net: Wikipedia ist nicht nur die am häufigsten aufgerufene »Enzyklopädie« im Internet, sondern auch die mit Abstand umfangreichste. Nach nur 13 Jahren ist die englischsprachige Version 46-mal so lang, wie die »Encyclopædia Britannica«. Sehen Sie eine Möglichkeit, die bisherigen Probleme dieses Mammutprojekts in den Griff zu bekommen?
Michael Brückner: Ich weiß nicht, ob es Wikipedia gelingen wird, dauerhaft eine ausreichende Zahl von kompetenten Autoren zu gewinnen. Das scheint mir ein großes Problem zu sein. Ich bin darüber hinaus sehr skeptisch, ob es gelingt, die bezahlten PR-Schreiber und die politischen Propagandisten zu verbannen. Die entscheidende Achillesferse ist die Anonymität der Autoren. Nur in ganz wenigen Fällen sind die Klarnamen bekannt. Wer in Deutschland einen Leserbrief schreibt, muss dafür mit seinem Namen einstehen. Wer hingegen auf Wikipedia schreibt, taucht mit selbstgewählten Phantasienamen auf.
FreieWelt.net: Verwenden Sie Wikipedia?
Michael Brückner: Klar verwende ich Wikipedia. Ich halte diese Online-Enzyklopädie auch für eine faszinierende Sache. Umso bedauerlicher, dass nun PR-Schreiber und Polit-Propagandisten zunehmend an Einfluss gewinnen. Vor allem aber: Wikipedia ist für mich nur eine Informationsquelle. Stoße ich auf interessante Informationen, suche ich nach weiteren Quellen, um die Dinge zu verifizieren.
FreieWelt.net: Vielen Dank für das Interview.
Michael Brückner ist Autor des Buchs »Die Akte Wikipedia. Falsche Informationen und Propaganda in der Online-Enzyklopädie.«


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