Verschwindet die Volkspartei?
Friedrich Merz hat in dieser Woche eingeräumt, dass die CDU nur noch „in Teilen“ eine Volkspartei sei. Der Satz fiel nach den Landtagswahlen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern. Erik Goldmann blickt zurück auf die Entstehung der deutschen Volksparteien nach 1945 und fragt, wohin sich der politische Kompromiss heute verlagert.
Das Wort „Volkspartei“ gehört seit Jahrzehnten zum politischen Vokabular der Bundesrepublik. Friedrich Merz hat es am 24. September 2026 in bemerkenswerter Weise verwendet: Die CDU erfülle diese Rolle nur noch „in Teilen“. Die Tagesschau dokumentierte seine Aussage im Zusammenhang mit der Debatte über die jüngsten Wahlniederlagen.
Merz bot zugleich eine einfache Definition an. Eine Volkspartei erreiche unterschiedliche Gruppen der Gesellschaft und könne deren Interessen in eine gemeinsame Politik übersetzen.
Historisch ist diese Definition interessanter als eine einzelne Prozentzahl. Die Volkspartei war lange eine Institution, die mehrere soziale Milieus unter einem politischen Dach versammelte.
Von Wahlergebnissen zu einer längeren Geschichte
In Mecklenburg-Vorpommern erhielt die CDU am 20. September 2026 4,9 Prozent der Stimmen und blieb unter der Fünfprozenthürde. Die AfD kam auf 38,2 Prozent, die SPD auf 35,5 Prozent. Der Landtag nennt diese Werte im vorläufigen amtlichen Endergebnis.
In Berlin gewann die Linke mit ungefähr einem Viertel der Stimmen, die CDU wurde Zweite und die AfD Dritte. Reuters beschrieb beide Landtagswahlen als weiteres Zeichen einer Schwächung der traditionellen politischen Mitte und einer zunehmenden Fragmentierung.
Die beiden Wahlen folgen unterschiedlichen regionalen Logiken. Gemeinsam zeigen sie jedoch, dass die traditionellen Großparteien einen kleineren Teil des politischen Raums in sich bündeln als in früheren Jahrzehnten.
Diese Entwicklung war bereits bei der Bundestagswahl 2025 sichtbar. Die CDU erhielt 22,6 Prozent der Zweitstimmen, die CSU 6,0 Prozent, die AfD 20,8 Prozent und die SPD 16,4 Prozent. Das endgültige Ergebnis stellte die Bundeswahlleiterin am 14. März 2025 fest.
Für einen Historiker beginnt hier die interessantere Frage. Was verändert sich genau, wenn Parteien schwächer werden, deren wichtigste Leistung einmal darin bestand, sehr unterschiedliche Gruppen zu integrieren?
Eine Erfindung der Nachkriegszeit
Die CDU entstand nach 1945 als überkonfessionelle Sammlungspartei des christlich-bürgerlichen Lagers. Ihr Anspruch war es, Katholiken und Protestanten, Konservative, Liberale und christlich-soziale Strömungen zusammenzuführen.
Die Bundeszentrale für politische Bildung bezeichnet die CDU als eine zentrale Neuerfindung des westdeutschen Parteiensystems nach 1945. Ihre gesellschaftliche Breite war von Beginn an Teil des politischen Projekts.
CDU und CSU führten laut bpb bis 2026 in 53 von 77 Jahren die Bundesregierung und stellten den Kanzler oder die Kanzlerin. Diese lange Dominanz wuchs aus einer Kombination regionaler, sozialer und weltanschaulicher Breite.
Die SPD ging einen anderen Weg. Nach dem Krieg blieb sie zunächst eng mit dem Arbeitermilieu und der Tradition einer sozialdemokratischen Klassenpartei verbunden.
Der Wendepunkt kam 1959 in Bad Godesberg. Mit dem Godesberger Programm löste sich die SPD ausdrücklich von marxistischen Bindungen und verstand sich fortan als Volkspartei.
Als zwei Parteien fast den ganzen Raum umfassten
Bis zum Ende der 1970er Jahre bildeten CDU/CSU und SPD den Kern eines hochkonzentrierten Zweieinhalbparteiensystems. In ihrer stärksten Zeit konnten die großen Parteien gemeinsam bis zu rund 90 Prozent der Wählerstimmen auf sich vereinigen.
Das hatte eine praktische Folge. Viele gesellschaftliche Konflikte wurden innerhalb der großen Parteien ausgehandelt, bevor sie das Parlament erreichten.
Ein christlicher Sozialpolitiker, ein wirtschaftsliberaler Unternehmer und ein konservativer Wähler auf dem Land konnten dieselbe Union unterstützen. Ein Gewerkschafter, ein Beschäftigter des öffentlichen Dienstes und ein städtischer Reformorientierter konnten sich in derselben SPD wiederfinden.
Die große Partei wirkte damit wie ein politischer Übersetzer. Sie musste unterschiedliche Interessen in ein Programm überführen, das für mehrere Gruppen zugleich tragbar war.
Die Gesellschaft veränderte sich
Die traditionellen sozialen Milieus wurden schrittweise schwächer. Bindungen an Kirchen, Gewerkschaften, Berufsgruppen und regionale Identitäten verloren einen Teil ihrer früheren Verbindlichkeit.
Zugleich entschieden Wähler entlang einer größeren Zahl politischer Themen. Umwelt, Migration, europäische Integration, kulturelle Konflikte und Außenpolitik bilden zusätzliche Achsen des Wettbewerbs.
Das ist eine strukturelle Veränderung. Mehr Parteien können unterschiedliche Präferenzen präziser vertreten; zugleich wächst die Zahl der politischen Grenzen, über die für Mehrheiten verhandelt werden muss.
Wo heute der Kompromiss entsteht
Im alten Modell entstand ein beträchtlicher Teil des Kompromisses bereits vor der Wahl innerhalb der großen Parteien. Kandidaten und Programme mussten eine breite innerparteiliche Koalition durchlaufen.
Im heutigen fragmentierten System verlagert sich ein größerer Teil desselben Prozesses nach der Wahl zwischen mehrere selbständige Parteien. Das zeigt sich in längeren und komplizierteren Koalitionsverhandlungen.
Politische Stabilität hängt damit stärker von der Fähigkeit der Parteien ab, den eigenen Wählern Kompromisse zu erklären, obwohl diese Parteien gerade wegen ihrer Unterschiede gewählt wurden.
Ist die AfD eine neue Volkspartei?
Nach den jüngsten Ergebnissen wird diese Frage häufiger gestellt. Die Zahl der Stimmen liefert darauf nur einen Teil der Antwort.
Zum traditionellen Begriff der Volkspartei gehören auch gesellschaftliche Breite, eine langfristig gewachsene Mitgliederstruktur, kommunale Verankerung und die Fähigkeit, verschiedene Gruppen über Regionen hinweg zu verbinden.
Ein Historiker sollte deshalb mit solchen Etiketten vorsichtig umgehen. Politische Begriffe besitzen ihre eigene Geschichte und verändern ihre Bedeutung zusammen mit den Institutionen.
Was danach kommen kann
Merz’ Satz ist vor allem als Diagnose der eigenen Partei interessant. Die CDU selbst räumt ein, dass ihre traditionelle Integrationskraft heute regional und gesellschaftlich begrenzter ist.
Eine Möglichkeit ist weitere Fragmentierung. Regierungen würden dann häufiger aus drei oder mehr politischen Strömungen gebildet.
Eine andere Möglichkeit ist der erneute Versuch großer Parteien, ihre gesellschaftliche Basis zu verbreitern. Damit würden mehr Konflikte wieder innerhalb ihrer Organisationen ausgetragen.
Die Geschichte kennt viele Formen demokratischen Wettbewerbs. Die deutsche Volkspartei der Nachkriegszeit war eine davon und schuf über mehrere Jahrzehnte einen außergewöhnlich stabilen Rahmen.
Vielleicht erleben wir daher vor allem eine Verlagerung des Ortes, an dem eine Gesellschaft politisch zusammengesetzt wird. Früher geschah ein großer Teil dieser Arbeit innerhalb von CDU/CSU und SPD; heute geschieht er häufiger zwischen mehreren Parteien.
Genau daran wird sich zeigen, ob der Begriff „Volkspartei“ als lebendige Institution weiterbesteht oder als Name einer langen Epoche der Bundesrepublik in Erinnerung bleibt.
Quellen:
- Tagesschau – Ist die CDU noch Volkspartei?
- Landtag Mecklenburg-Vorpommern – Landtagswahl 2026: vorläufiges amtliches Endergebnis
- Reuters – Five takeaways from Germany's regional elections
- Die Bundeswahlleiterin – Bundestagswahl 2025: endgültiges Ergebnis
- bpb – Etappen der Parteigeschichte der CDU
- bpb – Kompakter Überblick: Die CDU
- bpb – Die Programmatik der SPD
- bpb – Die deutschen Parteien seit 1945
- bpb – Die Parteienlandschaft in Deutschland
- Reuters – Erosion of Germany's political centre
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Blog-Kommentare
Der Wandel der CDU von der…
Der Wandel der CDU von der Volkspartei hin zu einer kommunistischen Partei.
Wie die kommunistische Linke, sollte sie sich in eine kommunistische und in eine konservative Partei reorganisieren, damit die Wähler sie wieder als das wahrnehmen, wofür diese Partei eigentlich steht. Der Herr Merz wollte mit der Brandmauer auf ganz schlau machen. Nun ist den CDU-Genossen die eigene Brandmauer auf die Füße gefallen. Aua, da muss doch endlich die Vernunft wieder in das Hirn schießen! Oder will die CDU weiter mit einem Brett vor dem Kopf regieren?
Es liegt ja nicht am Mangel…
Es liegt ja nicht am Mangel an Vernunft oder Hirn, sondern daran, daß Merz & Co. ihre Seelen an die deutschfeindlichen Black-Rock-Globalisten verkauft haben.
Das Brett vor dem Kopf haben vor allem jene Wähler, die solche Landesverräter immer noch wählen würden.
Die Nähe von Politik
Die Nähe von Politik und großen Unternehmen verdient öffentliche Kontrolle. Für den konkreten Vorwurf gegen Merz wären überprüfbare Belege wichtig. Die im Artikel beschriebene Entwicklung betrifft jedenfalls beide früheren Volksparteien und reicht über einzelne Personen hinaus.
Die Brandmauer hat für die CDU politische Folgen,
über die man streiten sollte. Ihr Verlust als Volkspartei reicht jedoch weiter zurück. Entscheidend ist, ob sie konservative, christlich-soziale und liberale Wähler wieder in einem erkennbaren politischen Angebot zusammenführen kann.
Für mich ist die Union unter…
Für mich ist die Union unter dem Joch der US-Globalisten ganz klar zur Anti-Volkspartei mutiert und führt nur noch Wähler zusammen, die entweder politisch völlig medienverdummt sind oder irgendwie von den Bosheiten gegen unser Land profitieren (z.B. Migrationsindustrie, E-Lobby, Rüstungsindustrie, politische Pfründen).
Mit "konservativ", "christlich-sozial" oder "liberal" hat das alles nichts mehr zu tun!
CDU ist über!
Denn es gibt die AfD und die ist da wo die CDU einst war bevor sie unter der ******** Merkel zu einer linken bürgerfeindlichen SED2.0 wurde!
Die AfD
Die AfD spricht heute Wähler an, die früher bei der CDU ihre politische Heimat sahen. Ob daraus eine Volkspartei im historischen Sinn entsteht, zeigt sich an ihrer gesellschaftlichen Breite, ihrer kommunalen Verankerung und ihrer Fähigkeit, unterschiedliche Interessen dauerhaft zusammenzuführen. Genau darin lag einst die Stärke der Union.
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