Der Ölschock wandert in die Raffinerien
Der Preis an der Zapfsäule erzählt heute eine andere Geschichte als der Preis eines Rohölfasses. Für Haushalte und Unternehmen zählen Diesel, Benzin, Kerosin, Transportkosten und am Ende auch die Preise vieler Waren des täglichen Lebens.
DIE ZWEITE SEITE DES ÖLMARKTES
Reuters Breakingviews beschreibt die aktuelle Krise als einen Markt, in dem Rohöl und raffinierte Produkte immer stärker auseinanderlaufen. Brent lag am 17. August bei rund 88 Dollar je Barrel und damit fast ein Drittel unter dem Kriegshoch von 126 Dollar, während die Preise für fertige Kraftstoffe deutlich langsamer nachgaben.
Der Grund liegt zunehmend in der Verarbeitung. Laut Reuters lag die Raffinerieverarbeitung im Nahen Osten im zweiten Quartal 2,9 Millionen Barrel pro Tag unter dem Vorkriegsniveau; für das dritte Quartal werden weiterhin 2,2 Millionen Barrel pro Tag weniger erwartet.
Gleichzeitig haben Angriffe auf russische Raffinerien die dortige Verarbeitung auf ein Niveau nahe einem 20-Jahres-Tief gedrückt. Niedrigere chinesische Raffinerieläufe und geringere Produktexporte verschärfen die globale Knappheit zusätzlich.
DIESEL ZEIGT DEN ENGPASS
Besonders angespannt ist der Dieselmarkt. Die IEA schätzt, dass die Exporte aus Russland, dem Nahen Osten und wichtigen asiatischen Lieferländern im Juli zusammen 1,3 Millionen Barrel pro Tag unter dem Vorjahreswert lagen.
Europa verfügt dabei über einen begrenzten Puffer. Die Gasölbestände im Raum Amsterdam-Rotterdam-Antwerpen lagen 24 Prozent unter ihrem Fünfjahresdurchschnitt, die Bestände an Flugturbinenkraftstoff sogar 39 Prozent darunter.
Diese Knappheit zeigt sich direkt in den Raffineriemargen. Der Aufschlag von europäischem Diesel gegenüber Brent stieg laut LSEG-Daten von etwa 25 Dollar pro Barrel zu Jahresbeginn auf mehr als 70 Dollar.
WAS VERBRAUCHER SPÜREN
Reuters verweist darauf, dass Diesel an den Tankstellen wichtiger europäischer Märkte im Juli rund ein Fünftel teurer war als im Februar. Damit wandert der Kostendruck über Lastwagen, Landwirtschaft, Industrie und Logistik weiter durch die Wirtschaft.
Die europäische Erfahrung reicht dabei weiter zurück. Seit dem EU-Embargo auf russische raffinierte Erdölprodukte ab Februar 2023 wurden Handelsströme neu organisiert; die IEA beschrieb bereits 2023 einen angespannten europäischen Dieselmarkt und Schwierigkeiten der Raffinerien, ihre Verarbeitung und Dieselproduktion zu steigern.
ENERGIESICHERHEIT IST INDUSTRIEPOLITIK
Der aktuelle Schock zeigt deshalb sehr deutlich, was Energiesicherheit praktisch bedeutet: ausreichende Raffineriekapazität, verfügbare Produktlager, belastbare Häfen und Pipelines, diversifizierte Lieferwege und realistische Reserveplanung.
Auch strategische Vorräte verdienen eine breitere Betrachtung. Ein Rohöllager hilft vor allem dann schnell, wenn ausreichend Verarbeitungskapazität vorhanden ist und das produzierte Benzin, der Diesel oder das Kerosin den Verbraucher erreichen kann.
Der Aufbau neuer Kapazität braucht Zeit. Reuters verweist auf Morgan-Stanley-Schätzungen, nach denen die Nachfrage nach raffinierten Kraftstoffen in den kommenden drei Jahren um 2,5 Millionen Barrel pro Tag steigen könnte, während die Nettokapazität lediglich um 1,2 Millionen Barrel pro Tag wächst; neue Raffinerien benötigen häufig acht bis zehn Jahre bis zur Fertigstellung.
DIE ÖFFENTLICHE VERANTWORTUNG
Damit wird Energiepolitik zu einer Frage langfristiger öffentlicher Verantwortung. Investitionen, Genehmigungen, Reserven, Infrastruktur und Krisenvorsorge beeinflussen Preise, Versorgungssicherheit und die Belastung öffentlicher Haushalte über viele Jahre.
Bürger dürfen deshalb erwarten, dass Regierungen ihre Annahmen offenlegen: Welche Kapazitäten stehen tatsächlich bereit, welche Reserven existieren in Rohöl und fertigen Produkten, welche Engpässe sind bekannt und welche Kosten trägt die Gesellschaft für verschiedene Sicherheitsstrategien?
Energiesicherheit entscheidet sich auch hinter den Raffinerietoren.
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Will man den Energie-Lockdown erzwingen?
Man fragt sich, warum wird verschwiegen, dass die Lager fast leer sind? Will man damit einen geplanten Energie-Lockdown provozieren? Allerdings ist es auch den „gescheiterten“ Politikern peinlich, dass sie gescheitert sind! Deswegen verschweigen sie wohl lieber das kommende Desaster aus der gescheiterten Energiewende, der kommenden Energieknappheit und den damit verbundenen exorbitant hohen Preisen! Und ganz nebenbei kann man damit auch noch die Klimaideologie begründen und fortsetzen!
Der Punkt ist tatsächlich sehr wichtig
Der Punkt mit den niedrigen Beständen ist tatsächlich sehr wichtig. Gerade bei den fertigen Produkten ist die Lage angespannt: Reuters nennt für Nordwesteuropa Gasölbestände rund 24 Prozent unter dem Fünfjahresdurchschnitt und Flugturbinenkraftstoff sogar 39 Prozent darunter. Genau deshalb richtet der Artikel den Blick auf Raffinerien, Diesel und Kerosin statt allein auf den Brent-Preis. (Reuters)
Bei der Formulierung „die Lager sind fast leer“ lohnt allerdings eine genauere Unterscheidung. Deutschland hält über den Erdölbevorratungsverband gesetzlich strategische Vorräte im Umfang von 90 Tagen durchschnittlicher Nettoeinfuhren. Der EBV spricht aktuell von rund 20 Millionen Tonnen Rohöl und Erdölerzeugnissen, darunter auch Benzin, Diesel, Heizöl und Kerosin. (bundeswirtschaftsministerium.de)
Die eigentliche Schwachstelle liegt derzeit vor allem bei den verfügbaren Handelsbeständen fertiger Kraftstoffe und bei der Raffineriekapazität. Genau dort treffen mehrere Entwicklungen zusammen: Ausfälle im Nahen Osten, Angriffe auf russische Raffinerien, geringere chinesische Verarbeitung und Exporte sowie jahrelange Zurückhaltung bei Investitionen in westliche Raffinerien. Reuters beschreibt ausdrücklich, dass sich westliche Unternehmen über Jahre aus diesem Bereich zurückgezogen haben – wegen hoher Betriebskosten, CO₂-Kosten, internationaler Konkurrenz und der Erwartung, dass Elektromobilität die Kraftstoffnachfrage relativ schnell senken würde. (Reuters)
Damit gehört auch die Energiewende in die politische Bilanz. Die entscheidende Frage lautet aus meiner Sicht: Wurde beim Umbau des Energiesystems ausreichend berücksichtigt, dass Europa während einer langen Übergangsphase weiterhin riesige Mengen Diesel, Benzin, Kerosin und petrochemische Produkte benötigt? Genau hier haben Politik und Industrie Erklärungsbedarf.
Für die These eines bewusst geplanten „Energie-Lockdowns“ bräuchten wir belastbare Belege für eine gezielt herbeigeführte Verknappung. Die bisher veröffentlichten Daten zeigen vor allem einen gefährlichen Mix aus geopolitischen Ausfällen, dünnen Produktbeständen, begrenzter Raffineriekapazität und langfristigen Fehlannahmen bei der Energieplanung. Daraus entsteht bereits eine sehr ernste politische Frage:
Warum hat Europa zugelassen, dass seine Versorgungspuffer so dünn werden – und warum wird darüber gegenüber den Bürgern so wenig gesprochen?
Diese Frage halte ich für wesentlich interessanter als jede Ideologie. Denn am Ende bezahlt die Rechnung der Verbraucher.
... „Der Preis an der…
... „Der Preis an der Zapfsäule erzählt heute eine andere Geschichte als der Preis eines Rohölfasses.“ ...
Kündigen die USA nicht auch deshalb nun "die härtesten Iran-Sanktionen aller Zeiten" an – und fordern China zum Mitziehen auf???https://rtde.team/der-nahe-osten/289349-usa-kuendigen-haerteste-iran-sanktionen/
Um damit zu kaschieren, dass der neue Wirtschaftskrieg auf Peking zielt https://www.telepolis.de/article/Iran-Der-neue-Wirtschaftskrieg-zielt-auf-Peking-11421520.html - und Xi damit etwa zu besänftigen??? https://www.youtube.com/watch?v=imqQi89D1uM
https://www.nzz.ch/international/wie-china-den-iran-im-krieg-unterstuetzt-nzz-ld.10017589
Da es auch ganz anders – ja sogar knüppeldick - kommen könnte?! https://rtde.team/international/289024-nato-albtraum-russland-und-china/
Ja, genau hier liegt aus meiner Sicht eine zweite
Ja, genau hier liegt aus meiner Sicht eine zweite, sehr interessante Ebene der ganzen Geschichte.
China kauft laut Kpler mehr als 80 Prozent des iranischen Öls, das auf dem Seeweg exportiert wird. Wer also den iranischen Ölhandel wirklich massiv treffen will, landet zwangsläufig sehr schnell bei chinesischen Raffinerien, Banken, Händlern und Zahlungswegen. Bessent hat Peking inzwischen sogar ausdrücklich zur Zusammenarbeit aufgefordert und gleichzeitig darauf verwiesen, dass China rund die Hälfte seiner Energie aus der Golfregion bezieht.
Damit bekommt der angekündigte „maximale wirtschaftliche Druck“ eine viel größere geopolitische Dimension. Die Sanktionen tragen offiziell das Etikett Iran, ihre praktische Wirkung kann jedoch sehr tief in die Wirtschaftsbeziehungen zwischen Washington und Peking hineinreichen. Genau deshalb finde ich die Telepolis-These vom „Wirtschaftskrieg mit Blick auf Peking“ zumindest als strategische Lesart interessant.
Ob Washington damit Xi tatsächlich „besänftigen“ will, würde ich eher als Versuch lesen, chinesische Eigeninteressen zu nutzen: freie Fahrt durch Hormus, stabile Energieversorgung und niedrigere Ölpreise liegen selbstverständlich auch im chinesischen Interesse. Gleichzeitig verlangt Washington dafür politische und wirtschaftliche Kooperation gegen einen wichtigen chinesischen Energielieferanten. Das ist eher ein Druckhebel als ein freundliches Angebot.
Und genau hier schließt sich der Kreis zu meinem Artikel: Der Preis an der Zapfsäule hängt längst an viel mehr als am Rohölpreis. Sanktionen verändern Handelsströme, Raffinerien brauchen Ersatzsorten, Tanker fahren andere Routen, Versicherungs- und Finanzierungskosten steigen und chinesische Käufer konkurrieren stärker um alternative Lieferungen. Reuters meldet bereits einen Rückgang der chinesischen Importe iranischen Öls von durchschnittlich etwa 1,4 Millionen Barrel täglich im vergangenen Jahr auf rund 534.000 Barrel täglich im bisherigen August.
Ein Wirtschaftskrieg gegen Iran kann deshalb sehr schnell zu einem wirtschaftlichen Kräftemessen mit China werden. Und China besitzt mit Seltenen Erden, industriellen Lieferketten, Handelsvolumen und seiner Stellung als größter Energieimporteur wiederum eigene Druckmittel gegenüber den USA.
Das von Ihnen verlinkte Zwei-Fronten-Szenario mit Russland und China gehört für mich allerdings noch in die Kategorie strategischer Szenarien. Für die wirtschaftliche Konfrontation USA–China rund um Iran und Hormus liegen dagegen bereits sehr konkrete Zahlen und politische Aussagen auf dem Tisch.
Vielleicht ist deshalb inzwischen sogar die spannendere Frage: Wie lange kann Washington maximalen Druck auf Teheran ausüben, bevor aus der Iran-Strategie faktisch eine neue Runde des amerikanisch-chinesischen Wirtschaftskonflikts wird?
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