Neuer Krieg in Äthiopien? Tigray-Konflikt eskaliert
Vier Jahre nach dem Ende des verheerenden Bürgerkriegs toben im Norden Äthiopiens wieder schwere Kämpfe. Die Tigray-Rebellen und ihre Verbündeten greifen die Regierungstruppen an und drohen mit einer Ausweitung der Gewalt.
Seit dem 22. und 23. September 2026 ist der fragile Frieden von Pretoria faktisch zerbrochen. Kräfte der Tigray People’s Liberation Front (TPLF) starteten eine koordinierte Offensive und nahmen innerhalb kurzer Zeit die Flughäfen in Mekelle, der Hauptstadt der Region Tigray, sowie in Axum und Shire ein. Gleichzeitig stießen sie in die benachbarten Regionen Afar und Amhara vor.
Die TPLF beschreibt ihr Vorgehen als defensive Reaktion auf angebliche Drohnen- und Artillerieangriffe der Regierung. Die äthiopische Zentralregierung spricht dagegen von einer gezielten All-out-Offensive der Rebellen.
Eine breite Allianz gegen die Regierung
Nur wenige Tage zuvor hatten sich sieben bewaffnete Gruppen zur Ethiopian Peoples’ Forces Alliance for Survival zusammengeschlossen. Zu den wichtigsten Mitgliedern gehören die TPLF, die Amhara Fano National Movement und die Oromo Liberation Army.
Auch Gruppen aus Afar, der Somali-Region und Benishangul-Gumuz schlossen sich an. Ihr erklärtes Ziel ist der Sturz von Premierminister Abiy Ahmed und die Bildung einer Übergangsregierung. Bemerkenswert ist, dass frühere Kriegsgegner wie die TPLF und Fano-Milizen nun teilweise gemeinsam kämpfen.
Kämpfe flammen wieder auf: Aktuelle Lage an den Fronten
Die Regierungstruppen und ihre Verbündeten meldeten am 29. September die Einnahme der strategisch wichtigen Stadt Alamata im Süden Tigrays, rund 120 Kilometer südlich von Mekelle. Von dort aus könnte der Weg zur Regionalhauptstadt freigekämpft werden. Gleichzeitig halten TPLF-Kräfte und ihre Verbündeten Orte in der Region Afar, darunter Erebti, und drängen weiter vor.
Ziel scheint zu sein, die wichtige Versorgungsroute Äthiopiens über Dschibuti zu unterbrechen, über die rund 95 Prozent der Importe des Landes laufen. Auch in Amhara, etwa um Sekota und North Wollo, dauern die Gefechte an. Beide Seiten berichten von hohen Verlusten.
Eritrea wird der Rebellenunterstützung beschuldigt: Externe Einmischung und regionale Risiken
Die äthiopische Regierung beschuldigt Eritrea, die Rebellen zu unterstützen und damit die Lage anzuheizen. Asmara weist die Vorwürfe zurück. Gleichzeitig verschärfen sich die Spannungen um Äthiopiens Wunsch nach direktem Zugang zum Roten Meer. Beobachter warnen, dass der Konflikt auf das gesamte Horn von Afrika übergreifen könnte. Bereits jetzt sind die Grenzen porös, und der andauernde Krieg im Sudan sowie die Unruhen in Somalia erhöhen das Risiko einer größeren regionalen Krise.
Hilfsorganisationen warnen vor einer blutigen Kriegseskalation
Schon vor der neuen Eskalation lebten Hunderttausende Vertriebene in Tigray. Ärzte ohne Grenzen meldete in den vergangenen Tagen hunderte neue Kriegsverletzte, vor allem in den südlichen und nordwestlichen Zonen der Region. Die Internationale Rotkreuzbewegung evakuierte bereits Zivilisten und Sicherheitskräfte aus den Kampfzonen. Die Vereinten Nationen, die Afrikanische Union, die Europäische Union und die USA rufen dringend zur Deeskalation auf.
Der Bürgerkrieg von 2020 bis 2022 hatte bis zu 600.000 Menschen das Leben gekostet. Ein erneuter Großkonflikt droht ähnliche Dimensionen anzunehmen.
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